Was ist Interreligiöser Dialog?
Interreligiöser Dialog ist ein vieldimensionales Begegnungs- und Austauschgeschehen zwischen Personen oder Gemeinschaften verschiedenen Glaubens. Die katholische Kirche hat erstmals auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) den Wert der anderen Religionen anerkannt und ausdrücklich zum Dialog und zur Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens aufgefordert (Nostra aetate).
Dieser Dialog ist heute nicht nur angesichts des faktischen religiösen Pluralismus, der weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten und der globalen Probleme notwendig, sondern auch zutiefst theologisch und ethisch gefordert, weil Gottes Geist auch in anderen Religionen wirksam (Ad gentes 4) und der Andersgläubige in seiner Würde als Person und als Geschöpf Gottes wahrzunehmen und zu respektieren ist.
Interreligiöser Dialog kann und sollte auf verschiedenen Ebenen stattfinden, die miteinander verknüpft sind:
- Auf der praktischen Ebene geht es um einen Dialog des Lebens und Handelns (alltägliches nachbarschaftliches Zusammenleben, Zusammenarbeit im Dienst der Entwicklung und Befreiung aller Menschen).
- Die kognitive Ebene in Form des wissenschaftlich-theologischen Dialogs sucht Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Lehre der Religionen.
- Der Dialog der religiösen Erfahrung schließlich versucht, auf der spirituellen Ebene (Gebet, Meditation) die Religion des Anderen mit Einfühlungsvermögen und Respekt von innen heraus zu erfahren und zu verstehen.
Auf jeder dieser Ebenen sind immer wieder Hindernisse und Probleme verschiedener Art (kulturell, sprachlich, geschichtlich) zu bewältigen, doch bedarf es nur dreier Voraussetzungen des Dialogs:
1) Eine eigene religiöse Identität und ein Mindestmaß an religiösem Wissen über die eigene, wenn möglich auch über die andere Religion.
2) Diese Identität jedoch soll nicht statisch sein, sondern dynamisch und offen, das heißt lernfähig und lernwillig.
3) Schließlich bedarf es des Respekts, der Hochachtung (vgl. Nostra aetate, 3) vor der Person und dem Glauben des Anderen.
Ziel des Dialogs ist weder Mission, die ihren eigenen Ort hat, noch Religionsvermischung. Dialog dient vielmehr der gegenseitigen Verständigung, dem Aufbau von Vertrauen, Respekt und Verstehen, dem Abbau von Unkenntnissen, Vorurteilen und Ängsten. Durch das Kennenlernen und Erfahren von Überzeugungen, Werten und Praktiken anderer Religionen kann der eigene Glaube in Bekenntnis und Praxis bereichert, vertieft und erneuert, in mancher Hinsicht vielleicht auch korrigiert werden.
Als Kriterium für Wahres und Gutes dürfen die „Früchte des Geistes“ (Mt 7,16; Gal 5,22) gelten. Es geht im interreligiösen Dialog letztlich um die gemeinsame und nie endende Suche nach der „je größeren Wahrheit“ und um die gegenseitige Verwandlung durch die Begegnung. Der Christ wird dabei immer von der Person und Botschaft Jesu Christi Zeugnis ablegen, so wie der Andere das jeweilige Proprium seines Glaubens in den Dialog einbringen wird.
